Das Therapeutische 
an der Präsentation von Kunstwerken

Inhalt:
1. Die Wahl der Methoden und Techniken
2. Das positive Selbstkonzept
3. Die Treppenhausgalerie der Rehabilitanden
4. Das Artcafe
5. Die Galerie Trau-Dich im Freizeithaus
6. Die PATZ
7. aktuelle Kunst im Krankenhaus
8. Die junge Galerie

Im Hegau-Jugendwerk wird sowohl den künstlerischen Gestaltungen der Rehabilitanden wie auch den Werken aktueller Nachwuchskünstler der Region eine Rolle im Gesamtkonzept der neurologischen Rehabilitation von jungen Menschen zugedacht. Von besonderer therapeutischer Bedeutung ist hierbei die überlegte Präsentation der verschiedenen Kunstwerke.

Die Bedeutung kunsttherapeutischer Angebote auch in der neurologischen Rehabilitation ist inzwischen unstrittig. Initiativen wie die Kölner Ausstellung "Ich sprach zu Dir durch Bilder" (vgl. Lippert-Grüner/Quester, 1996) oder die Wanderausstellung "Dialoge" von "Fragile" belegen dies. Schwere Schädel-Hirn-Verletzungen sind mit ihren vielfältigen und tief greifenden Auswirkungen schwere Daseinskrisen, die nicht nur physisch, sondern auch psychisch bewältigt werden müssen. Dies trifft oft in besonderer Weise auf Jugendliche und junge Erwachsene zu. In Zeiten der Pubertät gerade auf der Suche, welche Rolle mit welchen Fähigkeiten sie willens und in der Lage sind, in der Gesellschaft zu spielen, zerstört ein Unfall in Augenblicken jede schon vorhandene Ordnung der Motive. Es ist nur zu verständlich, dass auch offensichtliche Schwierigkeiten, Ungereimtheiten zwischen Wollen und Wirklichkeit, zwischen alten Zukunftsplänen und neuen Zukunftsmöglichkeiten oft von den Betroffenen tabuisiert bzw. ins Unbewusste "ausgelagert" und nicht wahrgenommen werden können.

Mit zur Zeit 36 Lehrkräften ist die Krankenhausschule des Hegau-Jugendwerks eine der größten Schulen ihrer Art. Ein Aspekt ihres breit differenzierten Unterrichtsangebots ist das künstlerische Gestalten, welches sich nur teilweise an Lehrplänen der Kunstdidaktik orientiert. Besondere Bedeutung haben kunsttherapeutische Gesichtspunkte. Dabei steht für die schulische Arbeit das Aufsuchen verborgener Ängste, Probleme und Widerstände nicht im Mittelpunkt der Bemühungen. Eine solche psychotherapeutisch verstandene Kunsttherapie, die Ängste vorsichtig zu thematisieren und letztlich zu überwinden sucht, überfordert die Möglichkeiten der Krankenhausschule.

Andere kunsttherapeutische Maximen treten in den Vordergrund. Unten den von Schuster (1993, 165ff) aufgeführten Wirkungsannahmen der Kunsttherapie finden sich Kernsätze, auf die sich das Kunstangebot der Krankenhausschule beziehen kann. So stimuliert Kunsttherapie nach Schuster die Kreativität und wirkt so auf die "relative" Kreativität der Lebensführung. Sie gibt zudem den Klienten das Vertrauen, etwas schaffen zu können. Dieser Aufbau von Erfolgszuversicht und neuem Selbstbewusstsein ist ein zentraler Aspekt der konzeptionellen Überlegungen im Kunstangebot der Krankenhausschule. Das Schaffen einer stabilen Motivationslage ist Grundvoraussetzung für jeden weiteren Rehabilitationserfolg.

 

Die Wahl der Methoden und Techniken

Um Motivationen aufzubauen müssen Erfolge wahrscheinlich werden. Dafür müssen jedoch Themen und Techniken gefunden werden, die es jedem - auch dem eher unbedarften, dem motorisch stark eingeschränkten oder dem kognitiv nur wenig leistungsfähigen - Rehabilitanden ermöglichen, zwar einfache, aber akzeptable und ästhetisch befriedigende Gestaltungsergebnisse zu erzielen. Die Wahrscheinlichkeit erfolgreichen Gestaltens ist nicht zuletzt deshalb groß, weil es in der modernen Kunst keine objektiven Messleisten für richtige oder falsche Ergebnisse mehr gibt. Die von einer breiten Öffentlichkeit akzeptierte Entwicklung der modernen Kunst erlaubt fast jedes Gestaltungsergebnis.

Hilfestellungen von Lehrerseite sollten die Identifikation des Rehabilitanden mit seinem Kunstwerk nicht verhindern. Die entscheidende Frage ist, wie viel Hilfe kann ich geben, ohne dass der Rehabilitand am Ende das Gefühl hat, dieses Bild ist gar nicht von mir. Hier ist es wichtig, den Rehabilitanden jeweils nur Vorschläge unter Anbieten von Alternativen zu machen. Die danach vom Rehabilitanden getroffene Entscheidung muss gelten, auch wenn sie aus Sicht des Lehrers ästhetisch positive Ansätze im Werk vollständig zunichte macht.

Stark eingeschränkte Rehabilitanden können durch verschiedenste Collagetechniken zu Ergebnissen kommen, die auch differenzierte Aussagen ermöglichen, von der Fertigung her leicht vom Lehrer unterstützt werden können und ihren Reiz oft aus ihrem dekorativen Charakter beziehen. Die Kombination von Streifencollagen mit aleatorischen Verfahren bietet viele Möglichkeiten, im kunsttherapeutischen Sinne gelungene Gestaltungen zu schaffen. Bei Collagen gelingen notwendige Anweisungen präzise genug, um den Willen des Rehabilitanden wirklich umsetzen zu können. Anweisungen wie "Schneide hier" oder "Klebe da" lassen sich mit zeigenden Gesten verbinden und so auch von Aphasikern eindeutig klären. So kann der Rehabilitand das Gelingen einer Collage gefühlsmäßig ganz auf sich selbst und seine Ideen beziehen.

 

Das positive Selbstkonzept

Neubauer sieht in dem Begriff des Selbstkonzepts einen Sammelbegriff für eine Vielzahl von Konzepten bezüglich der eigenen Person, die mehr oder weniger aufeinander bezogen sind. Dieses System von Konzepten entsteht aus zunächst mehr oder weniger isoliert voneinander erworbenen, recht unterschiedlichen Konzepten. Diese dann entstandene "kognitive Repräsentation der eigenen Person" (Neubauer 1976, 36) umfasst all jene gespeicherten Informationen, die sich in Relation zur eigenen Person in den mannigfaltigsten Erfahrungsbereichen ergeben haben, insbesondere Informationen über den eigenen Körper, über eigene Fähigkeiten und Kenntnisse, über eigene Besitztümer, über eigene Verhaltensweisen, aber auch über die relative Wertschätzung jener Gegebenheiten innerhalb der individuell verfügbaren diversen Bezugssysteme. Diese Maßstäbe der Wertschätzung werden vom einzelnen unwillkürlich von seiner sozialen Umgebung übernommen. Man kann daher überspitzt sagen, dass wir das sind, was andere aus uns machen.

Mit einem positiven Selbstkonzept fühlt sich der Einzelne stark. Er ist in der Lage, Misserfolge wegzustecken und sich künftigen Aufgaben und Forderungen seiner Umwelt gewachsen zu sehen. Der Träger eines positiven Selbstkonzepts empfindet sich als autark und als Verursacher seines Handelns. Dieses Handeln ist am Erfolg orientiert. Diese wechselseitige Bedingtheit von Selbstkonzept und Umweltkonzept hat natürlich auch die Konsequenz, dass jemand mit negativ gefärbtem Selbstkonzept seine Umwelt als übermächtig empfindet. Er fühlt sich dem Schicksal ausgeliefert und wird das Misslingen der eigenen Handlungen erwarten. Mechanismen der sich selbst erfüllenden Prophezeiung kommen hier dann zum Tragen.

Die Bewertungen der eigenen Leistungen werden nur dann in das Selbstkonzept integriert, wenn sie von sozial relevanter Seite geäußert werden. Das Lob eines x-beliebigen Fremden hat hier weit weniger Bedeutung als Anerkennung von Eltern, Freunden, oder anderen Personen, die eng mit der momentanen Lebenssituation verbunden sind. Diese Anerkennung der gestalteten Kunstwerke von sozial relevanter Seite ist auch für die motivierende und psychisch stabilisierende Wirkung des Kunstangebot von zentraler Bedeutung. Parallelen zu der Projekt-Methode der Reformpädagogik werden deutlich, in der ebenfalls unterstrichen wird, dass sich die Bemühungen der Schüler in ihrer tatsächlichen Lebenswirklichkeit auswirken müssen. Dazu müssen die Kunstwerke jedoch einer - möglichst sozial relevanten - Öffentlichkeit zugänglich gemacht und von dieser auch wahrgenommen werden.

 

Die Treppenhaus-Galerie der Rehabilitanden

Die größte soziale Relevanz besitzt für Kinder und Jugendliche - vor allem in gesundheitlichen Krisensituationen - der Kreis der Familie und hier vor allem die Eltern. Der Wunsch, gelungene Bilder den Eltern schenken zu wollen, wird von den Rehabilitanden auch immer wieder spontan geäußert. Eine weitere sozial relevante Gruppe sind jedoch die Mitpatienten aus den Bettenhäusern, die betreuenden Ärzte, Therapeuten und Lehrer.

Ihnen können die gelungenen Kunstwerke in einem der größten Gebäudekomplexe des Hegau-Jugendwerks präsentiert werden. Dort ist ein Großteil der insgesamt 23 Unterrichtsräume der Krankenhausschule untergebracht. Die Seitenwände bieten Platz für die "Treppenhaus-Galerie der Rehabilitanden". Es ist der Schulweg der Rehabilitanden, die fast alle schulisch betreut und gefördert werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass sozial relevante Personen aus dem Rehabilitations-Leben des Kunstschaffenden hier seine Werke sehen, ist groß.

Nicht zu unterschätzen ist die Wertschätzung, die sich aus dem bloßen Rahmen der Kunstwerke ergibt. Die Wirkung des Bildes verändert sich sofort. Immer wieder glauben Rehabilitanden es selbst nicht mehr so recht, dass sie dieses Bild gemalt haben, wenn es gerahmt seinen Platz im Treppenhaus gefunden hat.

 

Das Artcafe, die Internet-Galerie der Rehabilitanden

Seit Sommer 1999 gehört zum Präsentationskonzept des Kunst-Unterrichts eine Internet-Galerie, in der Gestaltungen aus dem Unterricht präsentiert werden. Das artcafe ist gewissermaßen die Verlängerung der Treppenhaus-Galerie in die Heimatorte der Rehabilitanden hinein. Sie können also ihre Bilder tatsächlich ihren Eltern, Freunden und Mitschülern zuhause zeigen, ohne sie nachhause tragen zu müssen. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Werke mit den Namen ihrer Schöpfer versehen sind, wenn sie also von den Freunden daheim identifiziert werden können. Voraussetzung dafür ist das schriftliche Einverständnis der Kunstschaffenden (bei Minderjährigen auch das Einverständnis der Erziehungsberechtigten), dass Name und Alter genannt werden dürfen.

Natürlich liegt im Medium Internet selbst schon eine Aufwertung gegründet. Allein der Gedanke, dass die ganze Welt jetzt sehen kann, dass ich schon wieder in der Lage bin, solche Bilder zu malen, ist etwas Ungeheures. Dabei spielt es eine eher untergeordnete Rolle, wie viele Personen tatsächlich das artcafe besuchen werden.
Näheres unter: Das artcafe oder wie das Internet hilft, wieder an sich selbst zu glauben.

 

Die Galerie Trau-Dich im Freizeithaus

Das Freizeithaus ist ein offener Bereich für Rehabilitanden und deren Angehörige, in dem es möglich ist, die Freizeit zu gestalten. Sozialpädagoginnen bieten freiwillige Werkangebote (Seidenmalerei, Malen, Holzarbeiten, u.a.) sowie verschiedene Projekte (Tanz, Theater, Spiel) an. Es wird Raum geboten, um die Ideen zu verwirklichen. Geburtstagspartys können genauso gefeiert werden wie ein Kicker-Turnier.

Der Freizeitbereich gliedert sich in verschiedene Räume. Neben dem großen Disco-Raum gibt es eine Kegelbahn, Werkräume, einen Kiosk und eine kleine Küche. Im Freizeithaus finden immer wieder größere Veranstaltungen statt, die von engagierten Vereinen und Verbänden mitorganisiert werden.

Die Galerie Trau-Dich besteht aus ganzen fünf Wechselrahmen, die im zentralen Raum des Freizeitbereiches hängen. Hier finden kleine Einzelausstellungen von Rehabilitanden statt. Immer wieder fallen Rehabilitanden auf, die sehr viel, sehr begeistert, gut und routiniert zeichnen und malen. Für sie ist das Angebot, ihre Bilder in der Treppenhaus-Galerie zu präsentieren, nichts Aufregendes. Sie wissen, dass sie gut malen können. Eine eigene kleine Ausstellung aber mit selbst gestalteter Vernissage besitzt doch einen besonderen Reiz. Hierzu muss man sich erst einmal trauen. Im Mittelpunkt stehen, der Kritik der Gäste-Runde ausgeliefert zu sein und dieses dann geschafft zu haben, ist eine Leistung.

Es wird im Konzept der Galerie Trau-Dich besonderer Wert auf die Gestaltung einer kleinen Eröffnungsfeier Wert gelegt. Welche musikalische Begleitung wird organisiert oder aufgelegt, was soll es zu essen und zu trinken geben oder wer spricht einige Begrüßungs- und Erläuterungsworte? All dies sind Fragen, die zur Auseinandersetzung mit der sozialen Umgebung zwingen und an deren Ende ein Zugewinn an sozialer Kompetenz und Selbstbewusstsein für den Künstler steht.

In gleichem Sinn gibt es seit einigen Jahren den Internetauftritt einer "virtuellen" Künstlergruppe. KünstlerInnen, die einmal auch Patienten im Hegau-Jugendwerk waren und in der Kunstwerkstatt - also im Raum 16 der Schule - gemalt haben, präsentieren sich und ihre Werke auf www.kunstraum16.de

 

 

Die PATZ

Die PATZ ist die "Patientenzeitung" der Rehabilitanden im Hegau-Jugendwerk. Sie erscheint viermal im Jahr mit einem Umfang von ca. 20 Seiten. Betreut wird sie von Mitarbeitern verschiedener therapeutischer Bereiche, welche die Strukturen für diese Zeitung schaffen. Die Inhalte sind im wesentlichen Text- und Bildbeiträge verschiedener Rehabilitanden, die sowohl während der Freizeit wie auch in Unterricht und Therapie entstanden sind.

Die PATZ wird in einer Auflage von ca. 250 Stück vor allem innerhalb des Jugendwerks verteilt. Sie erreicht so eine relative Öffentlichkeit, die wie bei der Treppenhaus-Galerie für die Rehabilitanden besondere Relevanz besitzt. Diese eingeschränkte Öffentlichkeit reicht bei weitem aus, damit die PATZ ihren therapeutischen Nutzen entfalten kann.

Rehabilitanden können also ihre Gestaltungen nicht nur in der Treppenhaus-Galerie präsentieren, sondern auch als Beiträge in der PATZ. Die PATZ ist unter anderem auch der Versuch, die positiven Motivationsmechanismen, die sich im Kunstangebot gezeigt haben, auf andere therapeutische Bereiche und Schulangebote zu übertragen. Es wird hier darauf geachtet, dass jedes Leistungsniveau seinen gleichberechtigten Platz in der Zeitung erhält. Ein kurzer Beitrag über Erlebtes wird genauso veröffentlicht wie ausgefeilte Texte von Rehabilitanden der Oberstufen-Gruppen. Entscheidend allein ist der Einsatz, den der Schreiber gebracht hat und die dadurch gerechtfertigte Anerkennung, die durch die Veröffentlichung erreicht wird.

 

aktuelle Kunst im Krankenhaus

Dem Betrachten von Kunstwerken wird seit altersher eine heilende Wirkung zugeschrieben. Antike Medizin ging beispielsweise davon aus, dass für jede Therapie von Bedeutung ist, was zur Harmonisierung des körperlich-geistigen Lebens nützlich sein kann. Auch heutige Schulmediziner wie der Chirurg Professor Gerhard Heinrich Ott finden, dass Körper, Geist und Seele vom Arzt ein dreifaches Wissen fordern und eine dreifache Therapie: den Körper zu flicken, den Geist zu befriedigen und die Seele zu erquicken (vgl. Ott 1986). "Große Ärzte der Vergangenheit, aber auch nahezu alle Kulturkreise, besonders die sogenannten primitiven, wussten und wissen von der dreifachen Ebene einer Krankheit und deren Heilung. ... Ein Kranker ist nicht ausreichend durch die Wiederherstellung seiner Körperfunktion und seiner Körperlichkeit genesen, es muss auch in seine Zeit, seine Umgebung, seine Gesellschaft, seine sozialen Bezüge, er muss in seinen Kosmos zurückfinden" (Ott, 1986, 100).

Ott experimentierte in seinem Krankenhaus mit den heilsamen Wirkungsweisen aktueller Kunst. In Krankenzimmern, Fluren und Wartezimmern plazierte er moderne Kunstwerke. Diese dienen nach Ott dazu, tiefen seelischen Empfindungen eine klarere Form zu geben. Im Waldkrankenhaus stellte er bei der Präsentation aktueller Kunst fest, dass die Patienten vielfach eine herabgesetzte Reizschwelle gegenüber Licht, Ton, Farben und Bewegung haben. Sie seien dadurch besonders für die Aussagen der Kunst besonders sensibilisiert und empfangsfähig. (vgl. Quester/Duckwitz 1996, 19).

Die junge Galerie

Es erscheint in diesem Licht als sinnvoll, auch den Rehabilitanden des Hegau-Jugendwerk die Möglichkeit zu geben, sich mit zeitgenössischer Kunst auseinander zusetzen. Neben der Kunst der Rehabilitanden wird daher im Hegau-Jugendwerk auch das Schaffen aktueller Künstler präsentiert. Seit 1996 ermöglicht uns die Leitung des Rehabilitationszentrums das Ausstellen der Werke junger Nachwuchskünstler im Foyer des Verwaltungsgebäudes. An über 50 Metern Ausstellungswand bekommen jährlich vier junge und engagierte Künstler die Möglichkeit, sich ohne finanziellen Einsatz der Öffentlichkeit zu präsentieren. Kommerzielle Aspekte spielen dabei keine Rolle. Die Vernissagen der "jungen Galerie" sind gut besucht und werden von der lokalen Presse wohlwollend begleitet. Natürlich haben diese Ausstellungen eine positive Wirkung sowohl auf die Atmosphäre innerhalb der Einrichtung wie auch auf das Bild des Rehabilitationszentrums in der Öffentlichkeit. Ihre eigentliche Legitimation aber bezieht die junge Galerie aus dem therapeutischen Nutzen dieser Ausstellungen.

Dieser Nutzen ist zweifach. Ein Aspekt ist die soziale Teilhabe. Bei den Ausstellungen und deren Eröffnungen findet die allgemeine Öffentlichkeit, das lokale Kulturleben den Weg in die Abgeschlossenheit eines Rehabilitationszentrums. Es ist uns wichtig, die Vernissagen zu einer Zeit zu feiern, zu der möglichst viele Rehabilitanden auch teilnehmen können. Das Programm der Eröffnungen versucht in Differenziertheit und zeitlicher Ausdehnung sowohl dem kunstinteressierten Publikum als auch den Rehabilitanden gerecht zu werden. Die ausgeschenkten Bowlen und auch der Sekt sind alkoholfrei. Für die Rehabilitanden ist es ein aufbauendes Erlebnis, für diese Momente wieder mitten im richtigen Leben zu stehen, teilzuhaben an Ereignissen, die tags darauf in den Zeitungen besprochen werden. Mehr noch, sie werden von dem Ereignis aufgesucht, sind also gewissermaßen in der Rolle der Gastgeber. Auch dies ist eine Möglichkeit, Wertschätzung zu vermitteln.

Der zweite therapeutische Aspekt liegt in den Möglichkeiten, die die Rezeption aktueller Kunst für die Auseinandersetzung mit eigenen Lebensfragen bietet. Die junge Galerie ermöglicht es den Rehabilitanden, immer wieder neue bildhafte Auseinandersetzungen mit der Welt und ihren Facetten zu erleben, wie sie die oft gleichaltrigen jungen Künstler erlebt und verarbeitet haben. Dies kann wie erwähnt Impulse und Denkanstöße geben, welche den Rehabilitanden in ihrer oft schwierigen Situation auch weiter helfen können. Denn es sind immer wieder Bilder, "die Fragen aufwerfen, die für jeden in jeder Zeit wichtig sein können. Es sind keine Darstellungen unversehrter, schöner, makelloser, idealisierter Menschen. Es ist die eigene, so häufig gerade vom Patienten empfundene Unzulänglichkeit, die in eine andere Sphäre transportiert, zumindest in einen größeren und allgemeineren Zusammenhang gebracht wird" (Weiss, 1986, 19).

Der Ausstellungsort ist so gewählt, dass er - unweit des Speisesaals - leicht aufzusuchen ist, dass er jedoch nicht zwangsläufig - wie die Treppenhaus-Galerie - beachtet werden muss. So ist das Angebot, aktuelle Kunst zu rezipieren, der Initiative und dem Bedürfnis jeden einzelnen Rehabilitanden überlassen. Auf diese Weise kann jeder Rehabilitand selbst entscheiden, wie viel auch kritische Begegnung mit Kunst er aktuell zulassen will.

Auch Ott unterscheidet in seinem Godesberger Waldkrankenhaus stark zwischen den verschiedenen Qualitäten der möglichen Ausstellungsorte. Die von Ott in den Krankenzimmern plazierten Kunstwerke sollten wegen der Unumgänglichkeit der Kunstbetrachtung nicht in grellen Farben, sondern eher monochrom und pastellfarben gehalten werden. Abstraktes und Geometrisches habe in der Motivwahl Vorrang gegenüber szenarischen Darstellungen, da es thematisch offen bleibt und besonders die Phantasie des Kranken anrege. In Fluren und Warteräumen dagegen können nach Ott kritische und aktuelle Probleme analysierende Bildserien, auch Darstellungen von Tod, Angst oder Wut gewählt werden. (vgl. Quester/Duckwitz 1996, 19). In begrenztem Maße ist auch künstlerisch Provokantes in Kommunikationsbereichen eines Krankenhauses denkbar. Besucher und Rehabilitanden wählen hier ihre Verweildauer selbst. "Es sind Räume, die man schnell durchqueren, in denen man aber auch lange stehen kann. Die Möglichkeit zur Kommunikation ist gesteigert. Hier machen die Kranken ihre ersten Gehversuche. ... Es ist möglich, thematische Ausstellungen zu präsentieren, sinnvoll, die breite Palette und die vielen auseinanderstrebenden Richtungen der Kunst heute auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, so dass auch dem ungeübten Betrachter deutlich wird, wie verschiedenartig die Künstler heute auf die scheinbar gleiche Sache reagieren" (Weiss, 1986, 18).

Jörg Rinninsland, Sonderschullehrer der Krankenhausschule, 2000

 

Literatur:






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