Das Konzept des Begleiteten Malens in der neurologischen Rehabilitation

In der Kunstwerkstatt des Hegau-Jugendwerks in Gailingen wird Rehabilitanden seit Frühjahr 2008 in einem speziellen Atelier-Raum, der „malinsel“, das kunsttherapeutische Konzept des Begleiteten Malens nach Bettina Egger angeboten. Parallel dazu ist man in Gailingen dabei, dieses Angebot auch Angehörigen zu machen und erste Erfahrungen damit zu sammeln.

Die Kunstwerkstatt ist ein Unterrichtsangebot der Wilhelm-Bläsig-Schule. Diese ist als Krankenhausschule Teil des Hegau-Jugendwerkes in Gailingen und im Rahmen der Rehabilitation von Kindern und Jugendlichen ein wesentlicher Aspekt des Konzeptes. Die Kunstwerkstatt vereinigt in ihrer Konzeption pädagogische wie therapeutische Elemente. Sie versteht sich dabei vor allem als Schonraum, in dem nicht die Arbeit an Defiziten im Mittelpunkt steht, sondern die Stärkung von Ressourcen. Es geht für die Rehabilitanden darum, wieder Kontakt zu finden zu den eigenen noch vorhandenen Möglichkeiten und bestehenden Qualitäten. Primär steht in der Kunstwerkstatt also die Stärkung des Selbstbewusstseins und der Aufbau eines positiven Selbsterlebens im Mittelpunkt der Arbeit.

Diese Ziele über Angebote im Bereich des Gestaltens anzugehen ist besonders nahe liegend, da in kaum einem anderen Bereich Richtigkeit oder Stimmigkeit der Ergebnisse so subjektiv sind. Es gibt einfach viele richtige Lösungen. Entscheidend ist, ob der Malende seine Lösung als für sich stimmig annehmen und zu ihr stehen kann. Von besonderer Bedeutung von Seiten des „Malleiters“ ist der hohe Respekt vor der Eigenständigkeit eines jeden einzelnen Bildes, einer jeden gestalterischen Äußerung. Nichts wird in der Kunstwerkstatt verworfen. Um jedes Bild wird gerungen, bis es bestehen kann. Jeder Bildabbruch, so sagt Bettina Egger, ist ein „Sargnagel für das Selbstbewusstsein“. Sie hat das Begleitete Malen aus den Konzepten von Arno Stern heraus entwickelt und damit die Basis auch für die Arbeit in der Kunstwerkstatt geschaffen.

 Betrachtet man das Arbeiten in der Kunstwerkstatt genauer, so findet man drei „Arten des Malens“. Das ästhetische Malen mit dem Ziel des Motivationsaufbaus über sozial relevante Feedbacks, das akademische Malen mit dem Ziel der Talentförderung und Perfektionierung von Wissen und Fertigkeiten sowie das therapeutische Malen mit dem Ziel der Reflexion, Reorganisation und – in gewisser Weise – Selbstheilung. Im Entstehen jeden Bildes sind alle drei didaktischen Aspekte zu finden. Es variieren lediglich die Anteile dieser drei Arten des Malens von Bild zu Bild. (vgl. : Jörg Rinninsland, Die didaktische Farbe von Bildern, in: Faszination Kunsttherapie, Bettina Egger (Hrsg.), 2003, Bern)

 Ein besonderer Blick soll hier auf die dritte Art des Malens, das therapeutische Malen geworfen werden, da die Kunstwerkstatt seit Anfang 2008 über ein eigenes „Closlieu“-Malatelier – die so genannte „malinsel“ - verfügt, in dem das Begleitete Malen nach Bettina Egger konzeptionell zuhause ist.

 Die besonderen Merkmale eines Closlieu-Ateliers sind von zentraler Bedeutung. Es ist ein heller, fensterloser Raum ohne große Möblierung. Die Wände sind mit Sperrholz verkleidet, an denen große Papiere mit Reißnägeln befestigt werden können. Im Zentrum steht der Palettentisch mit 18 offenen Gouachetöpfchen, für jede Farbe liegen 2 Pinsel bereit. Die Malenden stehen direkt vor ihren Bildern, pendeln alle zum Holen neuer Farbe in die Mitte des Raumes zum Palettentisch. Dieser besonders nach Außen schützende Raum zusammen mit dem unmittelbaren Kontakt zum Bild ermöglicht ein Eintauchen in eine andere Welt, in die eigene Bildwelt. 

 

 Zum Konzept des geschützten Raumes gehören klare Spielregeln. So wird grundsätzlich kein Thema gestellt, die entstehenden Bilder werden von niemandem bewertet oder interpretiert. Es herrscht geschäftige Ruhe in der malinsel. Jeder kümmert sich um sein Bild. Er ist vor Urteilen und Ansprüchen geschützt und kann daher etwas wagen. Alle sind für den Palettentisch verantwortlich. Die großformatigen Bilder bleiben nach Fertigstellung in der malinsel, und damit geschützt. Die Malenden müssen sich also auch später nicht erklären oder rechtfertigen, was sie da Kindisches, Langweiliges, Unsagbares oder Düsteres gemalt haben. Dies schafft den Freiraum, die Bilder zu malen, die man tatsächlich in sich trägt und die realisiert werden wollen.

 Bilder sind in jedem Menschen, das wissen wir durch unsere Träume. Unser Gehirn funktioniert über Bilder. Inhalte, Erinnerungen oder Gefühle sind als Bilder abgelegt, die erst in weiteren Schritten versprachlicht werden. Das „Bildern“ ist etwas zutiefst Menschliches. Kein Kind der Welt muss aufgefordert werden, mit Stiften Spuren zu erzeugen. Malen ist etwas Grundsätzliches und für eine gesunde psychische Entwicklung notwendig. Dabei kommt es auf das „Tun“ an, nicht auf das „Haben“. Der Prozess steht im Mittelpunkt und nicht das Produkt. Bilder sind in der malinsel daher allenfalls Protokolle des Weges, der während der 90 Minuten gegangen wurde. Es stellt sich beim Malen schnell eine geschäftige Ruhe ein. Jeder ist auf sein Bild konzentriert. Im Dialog mit ihm müssen Entscheidungen getroffen werden und im Sinne von trail and error im Rahmen eines Wechselspiels u.U. auch wieder zurückgenommen werden. Dies wird durch die Eigenschaft der Gouachefarbe erleichtert, dass man deckend übermalen kann, wenn die Farbe getrocknet ist. So ergibt auch ein Bild das nächste und ist wird klar, dass bei der Arbeit in der malinsel vor allem auch Kontinuität wichtig ist.

 Der Malleiter begleitet all dies in einer dienenden Rolle im Hintergrund und fördert den Prozess durch offen Fragen und technische Hilfen. Bettina Egger beschreibt diese Arbeit als „Hebammendienst“. Es liegt an den Malenden, ihre Bilder unbeschadet „zur Welt“ zu bringen. Die „Bilderhebamme“ nimmt dabei Ängste, hält den Prozess am Laufen und erkennt frühzeitig Gefahren für das Bild. Die dienende Rolle des „Malleiters“ ist im Konzept des Begleiteten Malens ein wichtiger Punkt. Der Malleiter spiegelt damit den Malenden: „Es ist richtig, was Du gerade tust,.. und wichtig – so wichtig, dass ich dir alle Nebensächlichkeiten wie Blätter auf- und umhängen, Material bringen oder Farbe nachfüllen abnehme, damit Du dich auf das Arbeiten an deinem Bild konzentrieren kannst.“ Er stärkt so den Prozess, ohne durch Lob das Bild bewerten (und damit beeinflussen) zu müssen.

 Beim Malen in der malinsel müssen die Rehabilitanden loslassen und mit etwas Mut sich auf Unbekanntes einlassen können. Das bedarf durchaus Übung und die Bereitschaft, etwas zu wagen. Zu Beginn wissen sie nicht, was am Ende entstanden sein wird. Ein Schritt bedingt erst den nächsten. Das Vertrauen darauf, dass sie in der konkreten Situation beim Schaffen des Bildes die richtige Entscheidung treffen werden, ermöglicht den Kontakt zu den eigenen Ressourcen.

 Beim Malen in der malinsel, das im eigentlichen Sinn ein Spiel mit Formen, Farben und Inhalten ist, sind die Rehabilitanden durch den geschützten Raum ganz bei sich. Sie müssen keine Rolle spielen, keine Erwartungen erfüllen. Sie können loslassen, sich in den Mittelpunkt stellen, sich spüren. Leistungsdruck fällt ab und ein tiefes Entspannen wird möglich. Ganz nebenbei wird damit auch das Ordnen von Erlebtem, das Experimentieren mit neuen Strategien der Entscheidungsfindung und der Problembewältigung möglich. 

 All dies kann auch unerwartete Probleme bereiten. Im geschützten Raum können unvermittelt Inhalte auftauchen und Angst machen. Das „Auf-sich-geworfen-sein“ kann lähmen und ratlos machen. Hier ist es die Aufgabe des Malleiters, aufkommende Schwierigkeiten zu erkennen, durch seine Präsenz Ängste nehmen im Sinne eines Hebammendienstes den begonnenen Prozess am Laufen zu halten und zu einem guten Ende zu begleiten.

 Die Arbeit in der malinsel ist nur mit Rehabilitanden möglich, die motiviert sind, diese Art des Malens einmal ernsthaft für sich auszuprobieren. Sie müssen zudem die Regeln verstehen und weitgehend auch einhalten können. Auch körperlich ist das Arbeiten im Stehen über 90 Minuten anstrengend. Das Malen im Sitzen z.B. im Rollstuhl ist jedoch über im Bedarfsfall aufstellbare Eckkonstruktionen möglich, ohne dass dabei der unmittelbare Kontakt zu seinem Bild verloren geht.

 Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass es Rehabilitanden sehr genießen, sich für eine gewisse Zeit aus ihrem Reha-Alltag „herauszubeamen“. Beim Malen in der malinsel vergessen sie überraschend schnell, wo sie sind und was sie hierher gebracht hat. Sie sind sehr mit den Gedanken bei, oder besser gesagt, in ihrem Bild, in ihrer Bildwelt. Der Umgang mit leuchtenden Farben und guten Pinseln hat zudem eine sinnliche Qualität, die allein schon ausreicht, um die Situation zu genießen. Manche Rehabilitanden kommen in diesem offenen Prozess sehr schnell dazu, persönliche Erfahrungen oder Inhalte zu thematisieren. Sie ordnen, experimentieren und balancieren Aspekte aus. Sie hören in sich hinein und reagieren auf das Echo des Bildes. Auch im Rahmen der Krankheitsverarbeitung kann hier neuer Boden als Basis für den Start in ein neues, verändertes Leben vorbereitet und gefestigt werden. Zur Zeit arbeiten Rehabilitanden in einer Gruppe von 2 bis 5 Malenden ab 15 Jahren in der malinsel und nutzen diese Möglichkeit der Selbsterfahrung.

 Dies alles geschieht letztlich im Sinne eines „Selbsthilfeprozesses“. Der Malleiter schafft nur einen Rahmen, in dem so etwas wie Reorganisation, wie Selbstheilung möglich werden kann. Richtung und Tempo diese Prozesses bestimmt der Malende selbst. Er bestimmt auch, wann welcher Schritt gewagt wird und welche Erkenntnisse daraus zu ziehen sind. Aufgabe des Malleiters ist es, dies zu begleiten und zu schützen. Er bleibt dabei vor allem Anwalt des Bildes.

 Je mehr der Umgang mit den Farben, den Pinseln und den „Spielregeln“ der malinsel zu Gewohnheit werden, desto eher entsteht Raum für die laufenden Prozesse, für die Arbeit mit dem Bild. Ein möglichst regelmäßiges und auf Dauer angelegtes Malen ist daher wichtig. Dies ist durch immer kürzer werden Aufenthaltszeiten nicht immer so möglich, wie es wünschenswert wäre. Dennoch profitieren Rehabilitanden, die sich auf dies Art des Malens einlassen können, auch schon von wenigen Terminen, die ihnen einen Ruhepol, teilweise auch eine Energiequelle in den anstrengenden und in vielerlei Hinsicht fordernden Wochen in der Rehabilitation bieten.

 In gleicher Weise können Angehörige vom Angebot der malinsel profitieren. Die ersten Erfahrungen zeigen aber, dass es Angehörigen durch eine vielfältige Inanspruchnahme während ihrer Zeit mit ihren Kindern im Reha-Zentrum kaum möglich ist, sich einen regelmäßigen zeitlichen Freiraum für ein solches Angebot zu schaffen. In wieweit innerhalb des Konzeptes des Begleiteten Malens darauf reagiert werden kann, bleibt abzuwarten. (Link zum Elternangebot "malinsel" )

   

Autor: Jörg Rinninsland, Sonderschullehrer und Kunsttherapeut, November 2008 

 






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